Wasserhaushalt der Haut: Einfluss auf Neurodermitis und Psoriasis

Autor*innen: Dr. Susanne Saha & Lynn Grünhagen

Stand: 15. Juni 2026

Haut und Wasser: Hand im fließenden Wasser

Die Haut ist kein statisches Organ. Sie reagiert auf ihre Umgebung, auf Feuchtigkeit und Trockenheit, auf Hitze und Kälte, und auf die Qualität des Wassers, mit dem wir sie täglich in Berührung bringen. Bei chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Psoriasis ist diese Reaktionsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigt, denn beiden Erkrankungen liegt eine chronisch geschwächte Hautbarriere zugrunde, bei der der Wasserhaushalt eine zentrale Rolle spielt. Der Klimawandel verändert die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur und die Wasserverfügbarkeit, also genau die Faktoren, die diese Barriere belasten. Was die medizinischen Hintergründe sind, wie sich beide Erkrankungen dabei unterscheiden und was du im Alltag tun kannst, das erfährst du hier.

Die Haut ist ein Wasserorgan

Die menschliche Haut besteht zu etwa zwei Drittel aus Wasser. Die tiefe Lederhaut, die Dermis, ist besonders wasserreich; die Oberhaut, die Epidermis, reguliert als Außenschicht den Wasseraustausch mit der Umgebung. Ergänzt wird sie durch eine Lipidschicht zwischen den Hornzellen, die das unkontrollierte Verdunsten von Wasser nach außen auf ein Minimum reduziert.

Schematische Darstellung des Hautaufbaus mit Oberhaut, Lederhaut, Fettschicht und Muskulatur sowie Talgdrüse, Haarwurzel und Gefäßen

Bei Neurodermitis und Psoriasis ist diese Schutzfunktion dauerhaft gestört. Die Ursachen unterscheiden sich dabei jedoch grundlegend.

Neurodermitis

Bei Neurodermitis kann die Hautbarriere durch eine Mutation im Gen für Filaggrin beeinträchtigt sein. Filaggrin ist ein Strukturprotein, das die Hornschicht zusammenhält. Die Hornschicht ist die äußerste Schicht der Haut und funktioniert wie eine natürliche Schutzfolie: Sie hält Feuchtigkeit drin und Schadstoffe draußen. Filaggrin spielt dabei eine Schlüsselrolle, denn es sorgt dafür, dass diese Schicht dicht und stabil bleibt und Feuchtigkeit binden kann. Etwa 10 Prozent der europäischen Bevölkerung tragen eine solche Mutation in sich. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie Neurodermitis entwickeln, aber das Risiko ist deutlich erhöht.

Dazu kommt ein zweiter verstärkender Faktor: Spezielle Barriereproteine, die die Hautzellen eigentlich abdichten, sind in den betroffenen Hautarealen reduziert. Beide Faktoren zusammen schwächen die Schutzfunktion der Haut erheblich. Die Haut wird durchlässiger, verliert kontinuierlich Feuchtigkeit, wird rissig und kann Allergene, Bakterien und Reizstoffe nicht mehr zuverlässig fernhalten. Das ist es, was die typischen Symptome der Neurodermitis auslöst: Die eindringenden Fremdstoffe aktivieren das Immunsystem, es entsteht eine Entzündungsreaktion, die sich als geröteter, juckender Ausschlag zeigt.

Psoriasis

Im Zentrum der Psoriasis hingegen steht eine Fehlregulation des Immunsystems. Sie führt dazu, dass sich Hautzellen stark beschleunigt erneuern: Bei Psoriasis sind es statt der normalen 28 Tage nur noch 3 bis 4 Tage. So schnell können die Zellen nicht richtig ausreifen. Sie stapeln sich an der Hautoberfläche und bilden die typischen silbrig-weißen Schuppen.

Unreife Zellen können die Hautbarriere nicht so aufbauen wie gesunde, ausgereifte Zellen das könnten. Dadurch fehlt der Haut die Fähigkeit, Feuchtigkeit zu halten: Sie trocknet aus, und genau diese Trockenheit ist es, die den typischen Juckreiz bei Psoriasis auslöst.

Beide Erkrankungen führen also auf unterschiedlichen Wegen zu einer gestörten Hautbarriere und einem aus dem Gleichgewicht geratenen Wasserhaushalt. Die Ursache bestimmt, wie die Haut auf äußere Einflüsse wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Wasserqualität reagiert, und damit auch, was im Alltag wirklich hilft.

Wie Luftfeuchtigkeit beide Erkrankungen beeinflusst

Niedrige Luftfeuchtigkeit

Fällt die relative Luftfeuchtigkeit unter 40 Prozent, wie zum Beispiel im Winter durch Heizungsluft üblich, steigt der Wasserverlust der Haut messbar an. Bei Neurodermitis verliert die ohnehin gestörte Hautbarriere dadurch noch mehr Feuchtigkeit, der Juckreiz nimmt zu, Risse entstehen schneller. Dass sich Schübe im Winter häufen, ist also kein Zufall.

Bei Psoriasis ist der Mechanismus ein anderer: Trockene Luft verstärkt die Schuppung, weil die Hornschicht auf den Plaques stärker austrocknet und oberste Schuppen schneller absplittern. Gleichzeitig juckt trockene Haut stärker, auch auf nicht betroffenen Arealen. Das begünstigt das Kratzen und damit das sogenannte Köbner-Phänomen: Durch Kratzen auf trockener, rissiger Haut können neue Psoriasis Herde entstehen.

Hohe Luftfeuchtigkeit

Durch den Klimawandel nimmt der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre im Sommer zu, da wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann und die Erwärmung zugleich die Verdunstung aus Ozeanen und Böden steigert.

Moderate Luftfeuchtigkeit wirkt sich bei Neurodermitis grundsätzlich günstig aus, weil sie die Haut vor dem Austrocknen schützt. Problematisch wird es erst im Zusammenspiel mit Wärme: Dauerhaft hohe Luftfeuchtigkeit über 70 Prozent belastet Neurodermitis-Haut durch verstärktes Schwitzen. Der saure Schweiß reizt entzündete Hautbereiche, fördert Juckreiz und begünstigt durch Feuchtigkeitsstau bakterielle Infektionen und Pilzerkrankungen.

Bei Psoriasis kann feuchtes Klima die Plaques in Kombination mit mehr Sonnenlicht weicher machen und den Juckreiz reduzieren. Feuchte Wärme fördert jedoch das Schwitzen und damit wieder den Juckreiz. Menschen mit Psoriasis inversa, einer Form der Psoriasis, die sich in den Körperfalten zeigt, sind durch feuchte Wärme besonders belastet, da sich in diesen Bereichen leichter Infektionen bilden können.

Wasserqualität und Hautgesundheit

Hartes Leitungswasser, das viel Kalzium und Magnesium enthält, kann die Lipidschicht der Haut angreifen. In betroffenen Regionen wurden Wasserhärten zwischen 76 und über 350 mg/l CaCO₃ gemessen. Die Mineralionen binden Lipide aus der Hautbarriere und fördern lokale Entzündungsreaktionen.

Für Neurodermitis ist dieser Zusammenhang durch eine Übersichtsstudie belegt: Betroffene in Regionen mit hartem Wasser erleben häufiger und stärkere Schübe. Die Studie weist jedoch darauf hin, dass Wasserhärte vor allem bei der Entstehung von Hautentzündungen im frühen Lebensalter eine Rolle zu spielen scheint und dass Wasserenthärter den Schweregrad einer bereits bestehenden Neurodermitis bislang nicht nachweislich verbessern.

Auch Haut mit Psoriasis scheint durch hartes Wasser belastet zu werden. Eine groß angelegte Kohortenstudie mit über 486.000 Teilnehmenden zeigt: Mit jedem Anstieg der Wasserhärte um 50 mg/l CaCO₃ steigt das Erkrankungsrisiko um 3 Prozent. Wer regelmäßig sehr hartem Wasser ausgesetzt ist, trägt ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko. Der Mechanismus ähnelt dem bei Neurodermitis, die Forschungslage ist hier jedoch noch weniger gesichert, da gezielte Studien mit Wasserenthärtern bislang fehlen.

Klimawandel und Wasserknappheit: eine wachsende Herausforderung

Der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen für Hauterkrankte auf mehreren Ebenen. Die Forschung zeigt, dass die Häufigkeit von Neurodermitis und Psoriasis weltweit steigt, besonders in klimatisch belasteten städtischen Regionen mit hoher Luftverschmutzung.

Häufigere und längere Hitzewellen erhöhen die Schweißproduktion. Für Menschen mit Neurodermitis ist das besonders relevant, denn Schweiß ist ein direkter Trigger, der Juckreiz und Entzündungen verstärken kann. Gleichzeitig steigt mit den Temperaturen auch die UV-Belastung. Bei Psoriasis ist das ein zweischneidiges Schwert: In kontrollierten Dosen wirkt UV-Licht therapeutisch und kann Schübe lindern. Ein Sonnenbrand hingegen kann neue Schübe auslösen.

Längere Trockenperioden bringen eine weitere Belastung mit sich. Sie senken die Luftfeuchtigkeit in der Umgebung, was den Wasserverlust der Haut bei beiden Erkrankungen erhöht und die Hautbarriere zusätzlich beansprucht.

Weniger offensichtlich, aber ebenso relevant ist die Frage nach der Wasserverfügbarkeit selbst. Für Hauterkrankte ist regelmäßiges Waschen kein bloßes Hygieneritual, sondern ein wichtiger Teil der täglichen Symptomkontrolle. Schweiß und Salzrückstände, die auf der Haut verbleiben, wirken als direkter Trigger. Wenn Wasserknappheit die Möglichkeit zur Körperpflege einschränkt, fehlt genau dieser Ausgleich, und das Risiko für eine Verschlechterung der Symptome sowie für Infektionen steigt.

Gesunde Haut im Alltag: Praktische Empfehlungen bei Hauterkrankungen

Der Wasserhaushalt der Haut lässt sich mit einigen gezielten Maßnahmen im Alltag aktiv unterstützen, unabhängig davon, ob du mit Neurodermitis oder Psoriasis lebst, und zusätzlich zu deiner medizinischen Therapie.

Für beide Erkrankungen

Die folgenden Empfehlungen gelten grundsätzlich für beide Erkrankungen und bilden eine gute Basis für die tägliche Hautpflege:

  • Raumluftfeuchtigkeit bei 40–60 % halten; im Winter Luftbefeuchter einsetzen, ein Hygrometer hilft bei der Kontrolle.
  • Lauwarm duschen (32–35 °C), maximal 5 Minuten, kein heißes Wasser.
  • Unmittelbar nach dem Duschen auf noch leicht feuchter Haut eincremen.
  • Pflegeprodukte ohne Duftstoffe, Alkohol und weitere gesundheitsbedenkliche Inhaltsstoffe verwenden. Welche Produkte unbedenklich sind, lässt sich schnell mit Apps wie dermoprotect.de, Codecheck oder ToxFox prüfen. Bei einer Wasserhärte über 20 °dH kann außerdem ein Duschfilter sinnvoll sein.
  • Mindestens 1,5–2 Liter täglich trinken, bei Hitze mehr. Ob Wasser, ungesüßte Tees oder Fruchtsaftschorle, alles zählt. Wie günstig Leitungswasser im Vergleich zu Flaschenwasser ist, zeigt der Trinkwasserrechner von atiptap.org.
  • An Tagen mit hoher Feinstaubbelastung möglichst zu Hause bleiben.

Spezifische Tipps für Neurodermitis

Wer mit Neurodermitis lebt, kann darüber hinaus einige Maßnahmen treffen, die gezielt auf die besondere Empfindlichkeit der Hautbarriere eingehen:

  • Ceramid- und harnstoffhaltige Pflegeprodukte bevorzugen (Urea 5–10 %).
  • Schweiß als Trigger konsequent minimieren: atmungsaktive Kleidung aus Baumwolle tragen, nach dem Sport sofort abduschen und eincremen.
  • Schlafzimmer kühl und gut gelüftet halten.

Spezifisch Tipps für Psoriasis

Bei Psoriasis stehen zusätzlich Maßnahmen im Vordergrund, die Schuppen gezielt lösen und die Wirksamkeit lokaler Therapien unterstützen:

  • Rückfettende Bäder (z. B. mit Olivenöl) können Plaques aufweichen und Schuppen lösen, was den Erfolg lokaler Therapien deutlich verbessert.
  • Alternativ Schuppen mit Cremes mit Salicylsäure oder Harnstoff (10–20 %) lösen, damit Wirkstoffe tiefer eindringen können.
  • Kontrollierte UV-Exposition nutzen: Lichttherapie und natürliches Sonnenlicht in Maßen wirken antientzündlich. Sonnenbrand sollte unbedingt vermieden werden.
  • Kontinuierliche Feuchtigkeitspflege betreiben, da Hautrisse durch trockene Luft neue Psoriasisherde begünstigen können.

Wasser, Haut und was du daraus machen kannst

Neurodermitis und Psoriasis sind unterschiedliche Erkrankungen mit unterschiedlichen Mechanismen, und doch haben beide eines gemeinsam: Die Hautbarriere spielt bei beiden eine zentrale Rolle, und wie sie auf Feuchtigkeit, Wasserqualität und Temperatur reagiert, beeinflusst das alltägliche Wohlbefinden der Betroffenen spürbar.

Das Gute daran: Genau hier liegt auch der Hebel. Wer versteht, wie Luftfeuchtigkeit, Wassertemperatur oder die Härte des Leitungswassers die eigene Haut beeinflussen, kann gezielt gegensteuern. Viele der Maßnahmen, die dabei helfen, sind im Alltag gut umsetzbar und machen einen messbaren Unterschied, zusätzlich zur medizinischen Therapie und ohne sie zu ersetzen.

Chronische Hauterkrankungen verlangen viel von den Menschen, die mit ihnen leben. Umso wichtiger ist es zu wissen: Du bist deiner Haut nicht ausgeliefert. Es gibt vieles, das du aktiv tun kannst, von der Pflegeroutine über die Raumluft bis zur Wahl des richtigen Duschfilters. Und je besser du verstehst, was deiner Haut hilft und was sie belastet, desto sicherer kannst du entscheiden.

Dr. Susanne Saha & Lynn Grünhagen

Über Dr. Susanne Saha & Lynn Grünhagen

Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha ist Fachärztin für Dermatologie und leitet die AG Dermatologie der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG e.V.). Ihr Schwerpunkt liegt auf umweltbewusster Dermatologie, nachhaltigen Behandlungsmethoden und der Aufklärung über bedenkliche Inhaltsstoffe in Pflegeprodukten.

Lynn Grünhagen, Medienwissenschaftlerin (B.A., Universität Groningen) und erfahrene Texterin, bereitet komplexe medizinische Themen verständlich und lesenswert auf.

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